„Propaganda-Party“

Spiegel Online berichtet gerne und ausführlich über den amerikanischen Vorwahlkampf. So klingt es, wenn Marc Pitzke dabei in einem Artikel über den Parteitag der Republikaner in Tampa schreibt und man alle neutralen Füllworte streicht.

Eklat. Inszenierung. Verlief nicht so glatt. Proteste. Gnadenlos. Ende. Verhöhnt. Rein zufällig. Natürlich ist Romney noch nicht der nächste Präsident. Auffallend zahm. Eine Pflichtübung. Vorgedruckte Schildchen. Verpasster Anlauf. Zieht sich über Stunden. Erst New Jersey. Programmierte Vollzugsmeldung. Krönung mit Hindernissen. Nichts ist spontan. Überraschungen sind unerwünscht. Böse. Manipulationen der Parteitagsregie. Zeitweise aus dem Ruder. Illusion der Einheit zerplatzt. Schlagzeilenträchtig. Hintergangen. Buhen. Brüllen. Stampfen. Vor die Tür gesetzt. “Schande für die Republikaner”. Eklat. Protest. Widerspruch. Kaltstellung. Szenen der Parteidisziplin. Verpatzte Wahl. Selbstzweifel. Leidenschaftslos. Schwer. Tumult. Pulk. Unterstützung verweigert. Unentschlossen. Skandieren. Partei-Patriarch. Duldet keinen Widerspruch. Propaganda-Party. Boxen. Abweichler mundtot machen. Aberkannt. Keine Chance. Meinung unterdrücken. Beschwert. “Gesäubert”. “Kommunistisches Regime”. Grölen. Buhrufe. Vergeblich. Sicherheitsbeamte. Störenfriede. Drängen sie raus. Handgreiflichkeiten. Unweigerlich. Gnadenlos ignoriert. Empört. Gleichschaltung. Direkter Angriff. Unruhe. Dreschen. Verzieht sich.

So klingt es, wenn Marc Pitzke auf Spiegel Online in einem Artikel über den Parteitag der Demokraten in Charlotte schreibt.

Bill Clinton rockt. Die wohl beste Rede seiner Karriere. Mit Verve. Ins Zeug gelegt. Wiederwahl. Eine Wahnsinnssrede. Amüsant. Lustig. Improvisiert. Interaktiv. Reißt die Delegierten von den Sitzen. Im Chor. Jubeln sie. Tränen der Rührung. Die zweifellos beste Rede. Begeistert den Saal. Lustvoll. Zerlegt die Republikaner. Beste Argumente. Cool. Preist. Meisterstück. Aus dem Stegreif. “Überraschung”. Stillen Dank. Die Halle tobt. Foto für die Titelseiten. Brillante Reden. Immer noch der Beste. Wie im Rausch. Handverlesenen Fakten. Flott. “Barack Obama zur Wiederwahl verholfen”. Belebt den Enthusiasmus. Geheilt werden. Richtig. Bis zum letzten der 22.000 Plätze belegt. Die Menge kocht. Beliebtester Politiker. Populär. Beseitigen alle Zweifel. Stolz. Politische Zepter überreicht. Cool. Charismatisch. Clinton ist auf Hochtouren. Am stärksten ist er. Lobt. Kompromissbereitschaft. Talent. “Dieser Mann wird nicht versagen”. “Von ganzem Herzen”. Argumentiert besser. Liebt. Umarmt. Braucht es. Um seiner Frau den Weg zu ebnen. Hillary Clinton weilt dienstlich in Osttimor – sie hat etwas verpasst.

Marc Pitzke schreibt, wie ein 16jähriger über die Erlebnisse auf seinem ersten Rockkonzert spricht. Voller Enthusiasmus. Voller Emotionen. Die eine Band mag er. Die andere mag er anscheinend nicht.

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30 Responses to „Propaganda-Party“

  1. micha says:

    Ja und?

    Genauso kann kann man meinen sie sind für die GOP und ärgern sich an Pitzkes Position… Subjektivität aus Texten herauszulesen gehört zur Medienkompetenz.

  2. Jacoby says:

    Scheinbar/anscheinend: auch für Medienwissenschaftler und Doktoranden eine nützliche Unterscheidung. Oder soll der Schlusssatz die Tendenz ironisch umkehren?

  3. andreas cirikovic says:

    @Jacoby: Danke für den Hinweis.

  4. Karl Neman says:

    Neutralität hat die GOP auch gar nicht verdient.

  5. uk says:

    Marc Pitzke hat Recht.

  6. andreas cirikovic says:

    Bin selbst Anhänger der Demokraten und hoffe auf deren Wiederwahl. Mir scheint der Ton Pitzkes gerade wenn er die Szenerie beschreibt dennoch unnötig polarisierend. Das erinnert mich dann leider an die Fox News Berichterstattung, Just my two cents.

  7. Sebastian says:

    So sieht’s leider aus. Aber zum Glück wählen die US-Amerikaner und nicht irgendwelche Schmierblätter in Deutschland.

    Ich bin bei der Wahl ja eher neutral, aber schon wegen der Berichterstattung wünsche ich mir schon fast ein Sieg von Romney, die Fressen der Korresondenten wären dann warscheinlich köstlich.

  8. Charly says:

    Sehr gut beschrieben! Es ist ohnehin interessant, dass Marc Pitzke seit Jahren ohne jegliche Kompetenz (oder zumindest Objektivität) aus (!) und über die USA berichtet. Stattdessen bedient er das klassisch negative Amerika-Bild der Deutschen.

    • kleitos says:

      An dem negativen Bild haben die Amis lange und hart gearbeitet – aber in einer Bizarro-Welt wird daraus eine Propagandalüge der Medien … guck mal auf deinen Kalender!

  9. Hubert says:

    Wenn er so begeistert über die Repulibkaner geschrieben hätte, hätte es einen Aufschrei gegeben.
    Es gibt nunmal Dinge, die in den dt. Medien festgeschrieben sind. Was, wenn man bedenkt, dass über 50% der Journalisten entweder ein SPD Parteibuch oder ein grünes haben, auch kaum verwunderlich ist.

  10. Paul says:

    Das ist mir auch aufgefallen, dass Spiegel Online in überschwänglichen Tönen über die Demokraten und sehr negativ über die Republikaner berichtet. Nur leider geschieht das nicht auf der inhaltlichen Ebene sondern nur dahingehend, wie toll die Show der Demokraten doch ist und wie sehr die Republikaner alles verkacken würden.
    Damit verliert Spiegel Online in der Hinsicht eigentlich jeglichen _Nachrichten_wert. Schade, denn ein paar mehr inhaltiche Punkte über Republikaner, außer dass sie ein staatliches Gesundheitssystem für Kommunismus halten, staatliche EInflüsse generell abbauen wollen und Amerika weiter als Weltelitenation aufbauen wollen, würde ich eigentlich schon gerne wissen. Ebenso über die Demokraten, die in den kommenden 4 Jahren ja … hm … tja, eigentlich weiss ich nicht von einem einzigen Vorhaben das sie umsetzen wollen…
    Demokratische Wahlentscheidungen auf Grundlage von emotionaler Beeinflussung … na super diese Demokratie im 21. Jahrhundert :-)

  11. Bernd says:

    Was ist mit folgenden Ausdrücken aus dem Demokraten-Artikel?
    “Risiko. William J. Clinton, eine tickende Zeitbombe, ein politisches Pulverfass. Brüllt. Als unqualifizierten Laien verhöhnt. Dumm. Das hysterische Geschnatter der TV-Sender. Rivalität zwischen Clinton und Obama. Whitewater, Lewinsky, Clintons Impeachment. Singsang eines Südstaatenpredigers. Hochroten Kopfes. Vor vier Jahren, beim viel sonnigeren Parteitag in Denver. Politisch fast vernichtet. Mitt Romney und Paul Ryan. Wettert gegen deren “Alternativ-Universum”. Verspottet ihre Wahlkampfstrategie. Um jene Wähler kämpfen, die ihm fremd bleiben. Parteitagszensoren. Seine Hände beben. Könnte ihn auch bloßstellen. Er ist kein Clinton. Obama schwebt distanziert. Obama scheut das Bad in der Menge.”

    • andreas cirikovic says:

      Touche. :)
      Mit einnigen Aussagen (bspw. Laie) wird allerdings der positive Wandel der vergangenen Jahre beschrieben, das “hysterische Geschnatter der TV-Sender über die angebliche Rivalität” ist durch die Rede wie der Artikel betont ja entkräftet, im “Alternativ-Universum” leben die Republikaner und Clinton “verspottet die Wahlkampfstrategie”, aber damit liegt er mit besten Argumenten ja genau richtig. Und “Dumm” ist nur, dass Obama dieser grandiosen Rede folgen muss.
      Aber ich räume ein, dass es in dem Artikel auch diese Töne gibt. Gerade eine Formulierung wie “beim viel sonnigeren Parteitag vor vier Jahren” und “Parteitagszensoren” finde ich nett. Bei den Zensoren wird zwar gerade betont, dass diese sich problemlos düpieren lassen, trotzdem benutzt er das Wort Zensoren (er hätte ja auch neutraler Organisatoren sagen können). Räume ich ein, der Punkt geht defintiv an Dich.
      Übrigens: Gerade der heutige Artikel auf Spiegel Online zur Rede von Obama gibt mir das Gefühl, dass Pitzer eher – um im Bild der Rockkonzert-Band zu bleiben – ein Fan des Drummers Clinton ist als des Gitaristen Obama.

  12. Claus says:

    Die Auflistung der Vorwürfe ist komplett unseriös. Die Worte “gesäubert” und kommunistisches Regime” etwa sind Zitate von Parteitagsbesuchern.
    Die mischen Sie munter durch mit Piztkes eigenen worten.
    Oder das Wort “Eklat” – das ist genauso ein sachliches Wort wie etwa “Demonstration” – und dass Ron Paul einen Eklat ausgelöst hat, bestreitet doch wohl niemand.
    Und der Satz “natürlich ist er noch nicht der nächste Präsident” bezog sich daruaf, dass Romney zuvor als “nächster Präsident der Vereinigten Staaten” angekündigt worden war.

    Wie parteiisch Marc Pitzke auch immer sein mag – wer so grob Meinung und Beschreibung durcheinander mischt und aus dem Zusammenhang reißt, ist wohl der letzte, das zu kritisieren.

    • andreas cirikovic says:

      Der Autor eines Artikels wählt ja auch aus, welche Zitate er aufnimmt und welche eben nicht. Gerade wenn er die Zitate einfach stehen und damit wirken lässt, ist das durchaus eine bewusste Entscheidung. Parteitagsbesucher sagten “gesäubert” und “kommunistisches Regime”, allerdings kommen eben auch nur diese zu Wort.
      Eklat und Demonstration kreieren – so finde ich – ein negatives Bild, durch die Häufung der Worte wird das verstärkt.
      Und die Anmerkung “Natürlich ist er noch nicht der nächste Präsident” fand ich interessant, weil es doch zur üblichen Rhetorik gehört die Kandidaten als nächste Präsidenten anzukündigen – als das bei Obama 2008 gesagt wurde, brauchte man das nicht aufklären.

      Mir fiel beim Lesen einfach die Konsequenz auf, mit der solche Mittel benutzt werden (bspw. die ‘vorgedruckten, verteilten Schilder’ auf dem Parteitag der Republikaner – gibt es/gab es auf dem Parteitag der Demokraten auch).
      Einfach mein Eindruck. Ich bin übrigens ebenso parteiisch und hoffe auf einen Sieg der Demokraten – allerdings informiere ich auch nicht jeden Tag X Menschen mit meinen Berichten auf einer großen Nachrichtenseite über den Ablauf der Vorwahl.

  13. Claus says:

    Richtig. Ein Korrespondent wählt Zitate aus. Aber er macht deutlich, dass es Zitate sind!
    Und wenn es nicht um den Inhalt geht (anscheinend sind wir uns ja alle darin einig, dass die Demokraten besser mal gewinnen), sondern nur um den Stil – und Sie genau beim Stil ihrer Kritik unsachlich vorgehen – ja, was soll denn dann der ganze Blogeintrag?
    Und in Anlehnung an das Posting von Bernd noch ein paar positive Worte aus dem Republikaner-Artikel (auf wen sich die Worte jeweils beziehen, da kommts ja nicht so drauf an, habe ich gelernt):
    Wogender Jubel. “Over the thop”. Genüsslich. Seine Fans sind ekstatisch. “Wir sind die Zukunft”. Liebeserklärung

    • andreas cirikovic says:

      Natürlich ist es wichtig auf wen sich die Worte beziehen. Die Worte “Kommunistische Partei” und “Gesäubert” beziehen sich doch auf das Verhalten der Parteiführung. Wenn das Zitat in dem Republikaner-Artikel gelautet hätte “Hier ist alles super, tolle Partei. Zum Glück bin ich nicht bei der kommunistischen anderen Partei, die Meinungen unterdrückt”, wäre die Aufnahme falsch.

      Um beim Beispiel des Rockkonzerts zu bleiben – wenn ich als 16jähriger vorab meinen Eltern erzähle “Lauras Mutter hat gesagt, das Konzert ist ganz sicher, und Thorsten sagt, die Band MUSS man live sehen.” zitiere ich andere, tue dies aber doch um einen Gesamteindruck zu schaffen. Ich nutze die Worte also, um ein Bild des Ereignisses zu prägen – bei den beiden Artikeln hatte ich den Eindruck, dass es mehr um das Bild als um die Information geht und die Zitate deshalb aufgenommen wurden. Vielleicht täusche ich mich. Danke jedenfalls für deine Meinung.

  14. Peter says:

    Klaus, am besten finde ich die neuste Meldung:

    “Überraschender Job-Aufschwung stärkt Obama”. Wie “Spiegel-Online” desinformiert

    http://zettelsraum.blogspot.de/2012/09/zitate-des-tages-uberraschender-job.html

    Hahaha

    Und wenn man jetzt dem Link bei SpOn folgt, steht da mittlerweile was völlig anderes.
    Nur die URL weist noch auf den alten Inhalt hin.
    Vielleicht hat Obamas Wahlkampfteam bei SpOn die Kontrolle übernommen

  15. Statistiker says:

    Nehmen Sie das heutige Heute-Journal mit der absoluten Diffamierung Obamas und dann überlegen Sie mal, ob Sie diesen Text wiederholen möchten.

    DAS wäre ein differenzierte Debatte, so bleibt es nur Polemik.

  16. Walter Zorn says:

    Tja, das mit der Einseitigkeit, das stimmt dann wohl doch. Zieht sich nicht nur durch diese zwei Artilen, sondern durch fast alle der jüngeren Vergangenheit. Aber ganz ehrlich: ich habe einen Teil beider Versammlungen recht intensiv verfolgt. Und dioe Republikaner haben die Einseitigkeit mehr als verdient. Während letzte Woche bei der Democrats Convention viel über tatsächliche Politik gesprochen wurde, waren folgende beiden Sätze das inhaltliche Highlight beim RNC: Kandidat Ryan: “We will lead”, Kandidat Romney: “We will make America a better place for your families” – mehr war da nicht…

  17. Claus says:

    @Andreas Cirikovic
    mit ein paar Tagen Verspätung, sorry. Aber anscheinend ist das Entscheidende immer noch nicht angekommen.
    Auch wenn die Zitate möglicherweise etwas willkürlich ausgewählt wurden – es sind Zitate! Es ist nicht die Einschätzung von Marc Pitzke selbst! ABer das wird im Ausgangsposting überhaupt nicht kenntlich gemacht!

    • andreas cirikovic says:

      Ich habe die betreffenden Worte im Beitrag nun in Anführungszeichen gesetzt. Meines Erachtens macht das keinerlei Unterschied, aber gerade deshalb hätte ich es auch gleich machen können. Danke für den Hinweis, künftig achte ich darauf.